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ARCHIV GEWISSENSFREIHEIT
1996 - 2022
herausgegeben von Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Christian Ehrenfels
System der Werttheorie Bd. II
Grundzüge der Ethik
Leipzig (Reisland), 1. Aufl. 1898 [Reprint Wentworth Press 2018]

Kapitel V: Die Individualethik und das Gewissen. Das ethisch-metaphysische Problem

Wer eine moralische Gefühls- und Begehrungsveranlagung sein Eigen nennt, besitzt in dem Bewusstsein davon einen Hort des Seelenfriedens, der es ihm ermöglicht, "den Schrecken der drohenden individuellen Vernichtung ruhigen Gemütes in's Auge zu schauen". Diese heilsame Folgeerscheinung ist aber an tröstliche metaphysische Ausblicke gebunden. (S. 144)

Wer mit seinen moralischen Wünschen im Strom des allgemeinen Wünschens mitschwimmt, dem wird Moralität leichtfallen. Wer sich dem allgemeinen Strom entgegenstellt, wird dies nur unter großer Angst und Erschütterung tun können. Deshalb neigen wir dazu, den gesellschaftlichen Standards der Moral fraglos zu folgen. Ethische Reformatoren stellen sich hingegen dem allgemeinen Strom entgegen. Sie können den inneren Frieden gleichwohl finden oder aufrechterhalten, wenn und weil sie sich dessen bewusst sind, dass sie sich gegen eine überlebte Moral wenden und eine neue Moral vertreten, der die Zukunft gehören wird. (S. 145)

Angesichts der Wirkung für den eigenen Seelenfrieden kann man fragen, ob es bei den moralischen Begehrensdispositionen letztlich um das Gemeinwohl als Eigenwert geht oder dieses nur einen Wirkungswert im Hinblick auf den eigenen Seelenfrieden darstellt. Wir können dann von individual-moralischen Werten sprechen, die sich von den sozial-moralischen Wertungen unterscheiden lassen. (S. 152) Beide entsprechen sich nicht vollkommen. So ist die Vermeidung göttlicher Strafen ein Beitrag zum Seelenfrieden, nicht aber notwendig auch zum Gemeinwohl. (S. 153)

Gewissen meint alle lustvollen und unlustvollen Reglungen im Innenleben eines Individuums, welche als Folgeerscheinung moralischer Veranlagung oder ausgeführter Handlungen gemäß moralischen Maximen auftreten. (S. 163) Ein schlechtes Gewissen zeigt sich in der Abscheu vor sich selbst. (S. 164)

Reue ist nachträgliches Bedauern einer begangenen Handlung, d.h. der Wunsch, man möge diese Handlung nicht begangen haben. (S. 166) Negative Gewissensregungen treten auf durch das Wiedererwachen moralischer Reaktionsfähigkeit des Gefühls nach der vor und während der Handlung stattgehabten vollkommenen oder teilweisen Paralysierung. Die Reue führt zu dem Wunsch nach Wiedergutmachung, um so das Gewissen zu beruhigen. (S. 167)